Wild und ungezügelt, direkt und kraftvoll – aber auch rebellisch, drastisch, aggressiv und provokativ wirken seine Bilder auf den Betrachter. Neoexpressionistisch nennen das die Fachleute und manche vergleichen den Stil von Thomas Kern mit dem des afroamerikanischen Künstlers Jean-Michel Basquiat. Der Schrecken spielt bei beiden eine Rolle. Abschrecken können die Bilder auch – so sagte 2011 ein Dresdener Hausbesitzer kurz vor der Eröffnung die Ausstellung von dekern – wie er sich mit Künstlernamen nennt – ab und ließ die 70 Arbeiten abbauen. Thomas Kerns Initiationsgeschichte ist die eines Autounfalls, der den damals Siebzehnjährigen ins Koma katapultierte – und ihm von da an unzählige innere Bilder bescherte. Exzessives Malen war die Folge und das bestimmt das Leben des 46-Jährigen bis heute.

Viel kann geschehen in einem langen Schriftstellerleben. Zumal, wenn der Schreiber mehrere politische Epochen überlebt. Bilder entstehen dann, hartnäckig oder wankend, nicht selten etwas neben der Wahrheit. Jurij Brězan konnte davon ein Lied singen. Er tat es leise. Alles andere hatte seiner Meinung nach wenig Sinn. „Steht doch alles in meinen Büchern“, sagte er gern zu seiner Person. Wer hat sie alle gelesen, um ihn zu kennen, wer kennt ihn so gut, um über ihn zu schreiben? Viele sind das nicht, auch nicht in der Lausitz. Gut, dass es das Sorbische Institut gibt, gut, dass sein Direktor Dietrich Scholze Slawist, Sorabist und aufmerksamer Zeitgenosse von Brězan ist. Er schafft es mit Akribie in bester, wissenschaftlicher Manier, das Bild seines Landsmannes so zu zeichnen, dass es einem besonderen literarischen Werk gerecht werden kann. Wer Brězan kennt, muss „Bild des Vaters“ denken, an einen anderen Versuch, einer Person und ihrer Wirklichkeit so nah wie möglich zu kommen.

Im Bautzener Domowina-Verlag erschien rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse in deutscher und sorbischer Sprache ein Bildband der Reihe sorbische Fotografen mit dem Titel „Gerald Große – Lausitzer Fotografien – Wobrazy z Łužicy“. Diesmal steht im Mittelpunkt das Schaffen des Diplom-Fotografikers Gerald Große, der heute in Wien lebt. Dabei konzentriert sich Herausgeber Jürgen Matschie auf Schwarz-Weiß-Fotos, die sein Berufskollege in der Zeit von 1957 bis 1990 in der Lausitz schuf.

Eine Stadt entwickelt sich. Da gibt es Neubau und auch Verfall. Veränderungen, die in unserem Gedächtnis verblassen, je länger sie zurückliegen. Das Heute ist präsent, doch wie sah das Gestern aus? Diese Frage weckt nicht nur Neugier nach dem, was einst war, sondern ist eine ausgezeichnete Begleiterin durch die neue Sonderausstellung „Rolf Dvoracek. Die Suche nach dem perfekten Augenblick. Bautzen in Fotografien aus sechs Jahrzehnten“ im Museum Bautzen.

Die Ausstellungsmacher Hagen Schulz und Ulrike Telek konnten auf das reiche Archiv des Bautzener Bildjournalisten Rolf Dvoracek zurückgreifen, der im vergangenen Jahr seinen 80. Geburtstag feierte. Dvoracek ist nicht nur älteren Lesern der hiesigen Sächsischen Zeitung oder der sorbischen Zeitung Nowa doba ein Begriff für fotojournalistische Qualitätsarbeit. Seine einfühlsamen Porträtfotografien von bedeutsamen Zeitgenossen waren ebenso ein Markenzeichen in der Bautzener Kulturschau.

Am Anfang war nicht das Ei

Mittwoch, 24. Februar 2016 geschrieben von:

Die Frage, was zuerst war, Huhn oder Ei ist schwerlich zu lösen. Dass das Ei aber vielleicht nicht am Anfang aller Verzierung stand, die heute so typisch für sorbische Ostereier mit ihren Dreieck- und Strahlen-Mustern scheint, das zeigt die neue Sonderausstellung des Sorbischen Museums in Bautzen. Museumsmitarbeiterin Andrea Paulick hat sich auf die Spuren der Muster begeben und stellt das, was sie gefunden hat, uns nun unter dem Titel „Sonnenrad und Wolfszähne. Verzierte Ostereier aus der Lausitz“ vor.

Ein Hörerlebnis der besonderen Art

Mittwoch, 27. Januar 2016 geschrieben von:

174 Gedichte, CD-Player, bequemer Sessel. Mehr braucht es nicht – na ja, vielleicht noch ein Glas Wein dazu. Und schon ist das Poesieerlebnis perfekt, wenn man glücklicher Besitzer der drei CDs mit Gedichten von Kito Lorenc ist. Hört man sich alle am Stück an, vergehen schon mal dreieinhalb Stunden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, man schafft es und ist berauscht, sogar ohne Wein. Der anderthalb Jahre jüngere Michael Lorenz hat die Gedichte des Bruders mit seiner unverwechselbaren Schauspielerstimme in Hörszene gesetzt. Er traf auch die Auswahl der zwischen 1959 und 2015 entstandenen lyrischen Texte und ordnete sie mit Leitgedichten zu Themenkreisen.

Geschichten erzählen, das kann er. Egal, ob deutsch oder sorbisch, ob für Erwachsene oder Kinder, ob für Zeitung, Bühne, Film oder Radio, ob es ein Bilderbuch werden soll oder ein Krimi für junge Leser, ob es sich um einen historischen Fall aus dem Mittelalter oder eigene Kindheitserinnerungen handelt – auf eins kann sich der Leser bei Jurij Koch verlassen: Langweilig wird es nicht. Dafür beherrscht der 1936 in dem kleinen Dorf Horka in der Oberlausitz geborene Schriftsteller sein Handwerk zu gut.

Und Spaß macht ihm das Schreiben offensichtlich immer noch.

So erschien 2014 der zweite Teil seiner Erinnerungen an die Kindheit auf Sorbisch. Und bevor dem Leser die Zeit zu lang wird bis zur geplanten deutschen Ausgabe dieser Erinnerungen (der erste Teil erschien 2012 unter dem Titel „Das Feuer im Spiegel“), kann er sich jetzt schon an der Neuauflage eines Koch’­schen Klassikers sowie an zwei deutschen Erstveröffentlichungen erfreuen.

Sechs Künstlerinnen – sechs Kunstansichten

Mittwoch, 25. November 2015 geschrieben von:

Gegenwärtig stellen sechs bildende Künstlerinnen, allesamt Mitglied des Sorbischen Künstlerbundes, in der Volksbank Bautzen ihre Arbeiten aus. Unter dem Titel „Ja sym“ (Ich bin) ist Malerei und Grafik zu sehen. Nicht zu übersehen sind aber auch Plastiken, die der modernen Architektur des Hauses angepasst erscheinen.

Die bizarre „Blaue Göttin“ von Barbara Wiesner oder auch ihre wuchtige Skulptur aus Ulmenholz mit dem Titel „Kreuzungen“, gefertigt aus grob bearbeiteten Balken und zusammengehalten von Holznägeln, sind Schöpfungen, die von viel Lust am kreativen Schaffen zeugen. Aber hat die Künstlerin vor zwei Jahren, als sie an dem bizarren „Drachen“ aus Kupfer arbeitete, an die sorbische Sagengestalt gedacht und mit Geld in Verbindung gebracht? Maja Nagel hat zumindest Drachen und griechische 2-Euro-Münzen in ihren „Drachentänzen“ sehr geschickt motivisch zusammengeführt. Ein Schelm, der im Bankhaus bei der Betrachtung dieser Collagen nicht an die Griechenlandkrise denkt ...

Was hat der Teppich von Bayeux mit der Oberlausitz zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Doch die hiesigen Archäologen wären froh, hätten sie hier ein ebensolches Zeugnis aus dem frühen Mittelalter. Denn der Teppich schildert sehr detailgetreu Geschehnisse zwischen England und Frankreich im 11. Jahrhundert. Dabei ist nicht nur die Schlacht bei Hastings 1066 Gegenstand, sondern auch das Alltagsleben. Das Museum Bautzen ist sehr stolz, dass es für seine Ausstellung „Burgen, Scherben, Schläfenringe - Regionale Archäologie des Mittelalters“ eine Fotokopie im Maßstab 1:2 in die Oberlausitz holen konnte. Die Ausstellung wurde am Sonnabend eröffnet und ist bis zum 21. Februar zu sehen. Bei der Ausstellungseröffnung kam der Gedanke auf, dass man anlässlich der Rückgabe der Fotokopie eine Bildungsreise für interessierte Oberlausitzer in die Normandie veranstalten könnte.

Über Kleinbautzen und einen Kaiserbesuch

Mittwoch, 30. September 2015 geschrieben von:

Was mag das für ein Auszug gewesen sein? Im Jahr 1859 verlassen die Schäfer Mickan und Engelmann Kleinbautzen Richtung Südamerika. „Sie werden in der Republik Buenos Aires bei einem Großgrundbesitzer ... arbeiten. Mit ihnen reisen zwölf vorzügliche, sogenannte Negretti-Schafe...“, schreibt damals die Sorbische Zeitung über die Weltenbummler. Die Anekdote fand Marko Greulich bei seinen Recherchen zum Buch „Zwischen Lutherberg und Löbauer Wasser“. Gerade erschien es im Domowina-Verlag.

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