Hana ist ein schönes Mädel, das findet mancher im Dorf. Sie lebt auf einem Hof in Horka bei Kamenz und hilft ihren sorbischen Stiefeltern in der Landwirtschaft. Ihre richtigen Eltern kennt sie kaum, die wohnen in Dresden und haben sie als Kind aufs Land gebracht, weil sie dachten, sie wäre dort sicherer als in der Großstadt. So scheint es auch über eine lange Zeit. Hana wächst heran, lebt die sorbischen Bräuche und trägt Tracht. Viele Menschen im Dorf wissen, dass sie Jüdin ist und später katholisch getauft wurde. Das spielt keine große Rolle, aber bald mehren sich die Anzeichen, dass es gefährlich wird für die junge Frau. Die Geschichte beginnt 1939, führt bis zum Sommer 1943, als sie Mitte 20 ist, und endet tragisch. Jurij Koch hat sie geschrieben: „Hana. Eine jüdisch-sorbische Erzählung“, die gerade beim Hentrich & Hentrich Verlag Berlin/Leipzig erschien.

Wer die Ortsnamen Wartha und Lömischau hört, denkt bei Wartha wahrscheinlich zuallererst an die Naturmärkte, die dort im Frühjahr und Herbst stattfinden, wenn nicht gerade Pandemie herrscht, und an das „Haus der tausend Teiche“. Und der Ruf Lömischaus beruht vor allem auf dem hervorragenden Leumund, den die Gaststätte „Zur guten Laune“ besitzt.

Der frühere Chefredakteur der „Nowa doba“, Sieghard Kosel, ist in Wartha geboren und aufgewachsen und wohnt noch immer in dem idyllischen Ort, der mittlerweile, ebenso wie Lömischau, zu Malschwitz eingemeindet worden ist. Wer könnte also besser über die Vergangenheit der beiden nahe beieinander gelegenen Dörfer berichten, wenn nicht der gestandene Journalist und Lokalpatriot? Es ist wichtig, das Wissen und die Erinnerungen der Älteren festzuhalten, denn nur wer die Vergangenheit kennt, weiß das Geschaffene zu schätzen.

Aufzeichnungen prallen Lebens

Mittwoch, 30. September 2020 geschrieben von:

Ein Dissident ist Jurij Koch (Jg. 1936) nie gewesen, ein kritischer Geist aber sehr wohl. Einer, der Dinge nicht vordergründig schönredet, sondern sie hinterfragt. Diesen kritischen Nicht-Dissidenten wollten Cottbuser Hardliner in der DDR am liebsten hinter „schwedischen Gardinen“ verschwinden lassen, nachdem er auf einem Schriftstellerkongress politisch und ökologisch Tacheles geredet hatte. Wer damals (zuweilen gilt das auch für heute) die Wahrheit für sich gepachtet hatte, für den schienen Texte des sorbischen und deutschen Autors reinweg Teufelswerk. Man denke an den wunderbaren Essayband „Jubel und Schmerz der Mandelkrähe“ (eine sprachliche Delikatesse und eine vorzügliche, aufrüttelnde Nachdenklichkeit!), seinen desillusionierenden und entromantisierenden Roman „Landung der Träume“ oder die Novelle „Der Kirschbaum“ (eine der schönsten und tiefgründigsten Erzählungen im 20. Jahrhundert).

Ein wunderschönes Fleckchen Erde

Mittwoch, 26. August 2020 geschrieben von:

Aus der Vogelperspektive gesehen liegt Räckelwitz als herzförmiges Gebilde inmitten der anmutigen Landschaft „Am Klosterwasser“. Was Räckelwitz nicht nur Einheimischen, sondern auch Touristen zu bieten hat, das stellt in Wort und zahlreichen Bildern die Neuerscheinung aus dem Domowina-Verlag „Worklecy něhdy a dźensa – Räckelwitz einst und heute“ vor.

In dieser Gemeinde leben rund 1 200 Menschen, von denen die meisten die sorbische wie die deutsche Sprache gleichermaßen beherrschen. Dem trägt das Buch Rechnung, indem sich Texte auf Deutsch und Sorbisch abwechseln. Und selbst wenn der Tourist, der sich die zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Ge­mein­de erschließen möchte, kein Sor­bisch­ versteht, kann er sich doch an den zweisprachigen Bildunterschriften orientieren. Für Hiesige, die das Sorbische noch nicht so perfekt beherrschen, könnten die sorbischen Texte ein Anstoß sein, sich wieder intensiver mit der Materie zu beschäftigen.

Neues Schaffen in alter Spinnerei

Mittwoch, 29. Juli 2020 geschrieben von:

Hohe Backsteinbauten, ein ganzes Gelände voller Ausstellungshallen und Ateliers­ von Künstlern bietet die Baumwollspinnerei in Leipzig. Damit ist sie immer einen Besuch wert, zurzeit auch deswegen, weil Bilder von Lausitzern gezeigt werden. In der denkmalgeschützten Halle­ 14 präsentiert der Freistaat Sachsen seine Kunstkäufe. Dieses Jahr waren es 32 Werke von 30 Künstlern. Unter ihnen ist Jürgen Matschie aus Bautzen, von dem eine zwölfteilige Fotoserie mit dem Titel „Gut Geisendorf“ erworben wurde. Über ein Jahrzehnt fuhr der Fo­tograf immer wieder dorthin und hielt den Wandel der Tagebaulandschaft mit dem Herrenhaus in Brandenburg fest. Gezeigt wird außerdem das Ge­mälde „Gum“ von Annedore Dietze, die 1972 in Bischofswerda geboren wurde, ein Bild, das an Pfingstrosen erinnert. Von weiteren Künstlern, die in Sachsen leben oder einen Bezug zum Freistaat haben, sind Grafiken, Skulpturen, textile Werke, Installationen und Videos zu sehen. Auch frühere Ankäufe werden in der über 2 000 Quadratmeter großen Halle gezeigt. Fotos sind zahlreich ausgestellt.

Die Spur der Kaurischnecke

Mittwoch, 24. Juni 2020 geschrieben von:

Unter dem sorbischen Titel „kóstkaty slěd“, wortwörtlich übersetzt „die knöcherne Spur“, beleuchtet die in Bautzen geborene und in Leipzig lebenden Künstlerin Karoline Schneider auf dem Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei zurzeit Herkunft und kulturelle Bedeutung der Kaurischnecke.

Die kleinen weißen Schnecken kennt so manche/-r als Schmuck auf dem Geschirr der sorbischen Osterreiter. Durch ihre regelmäßige Form und Größe sind sie sehr gut geeignet, um zu größeren Ornamenten zusammengefügt zu werden. Ursprünglich stammen sie aus dem indopazifischen Raum und sind weltweit Bestandteil kultureller Praktiken, von denen manche nachweislich bis zu 6 000 Jahre vor unsere Zeitrechnung zurückverfolgt werden können. Sie wurden bzw. werden zum Beispiel wegen ihrer Seltenheit in bestimmten Regionen als Zahlungsmittel, durch ihre Ähnlichkeit zur Vulva als Fruchtbarkeitssymbol und wegen der Ähnlichkeit zum menschlichen Auge als Schutzzauber gegen den sogenannten „bösen Blick“ benutzt.

„Za moju domiznu – Für meine Heimat“, die dritte Veröffentlichung der unter dem Künstlernamen „die Herrmann“ auftretenden Leipziger Sängerin und Liedermacherin Christin Herrmann, ist sowohl die erste EP der Künstlerin als auch der erste Tonträger, auf dem sie sich nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich mit ihrem kulturellen Erbe respektive ihren sorbischen Wurzeln auseinandersetzt. Der Titel der Platte, deren Produktion von der Stiftung für das sorbische Volk gefördert wurde, ist somit programmatisch zu verstehen. Die fünf auf ihr verewigten Lieder nähern sich dem Themenkomplex aus unterschiedlichen lyrischen Perspektiven.

Einfach Leben! Bleibende Grüße vom Lande

Mittwoch, 29. April 2020 geschrieben von:

Thomas Kläber war 12 Jahre alt, als es bei ihm mit Wucht und Wonne „Klick“ gemacht hat. Ein leidenschaftlich fotografierender Onkel hatte ihn mit ins Fotolabor genommen. Das Geheimnis, aus einem richtigen Moment mit Kamera und Fotopapier ein Bild zu machen, war so faszinierend für den Jungen, dass daraus seine Lebensaufgabe erwuchs. Taschengeld und erstes Selbstverdientes wurden von da an in die eigene Fotoausrüstung gesteckt. Man darf annehmen, dass der heute weithin geachtete Bildkünstler es nie bereut hat.

Kurz vor Ostern werden auch die Pferde in der Oberlausitz langsam unruhig. Plötzlich tauchen ihre Besitzer öfter im Stall auf, die Rösser werden gestriegelt und vom Hufschmied begutachtet. Am Ostersonnabend geht es ans Waschfass, Männer rubbeln die langen Mähnen und drehen Strohwickel hinein. Am nächsten Morgen kommen die Wickel wieder heraus, die Mähnen werden toupiert, manchmal auch geflochten und mit Blüten versehen. Über den Kopf gibt es oft noch einen Kettenschmuck, an den Schweif eine bestickte Schleife, blütenweiß und frisch gebügelt, es sei denn, jemand ist gestorben, dann wird eine schwarze Schleife angebunden. Das Geschirr ist längst gewienert und rund um den Reiter steht oft eine ganze Familie bereit. Die Mutter schließt den letzten Knopf am Hemdkragen ihres Jungen und rückt die Fliege zurecht. Was alles zum Osterreiten in der Oberlausitz dazugehört, das ganze Gewimmel rund um Ross und Reiter, zeigt eindrucksvoll der neue Bildband aus dem Domowina-Verlag in Bautzen: „Jutry doma. Osterreiten“.

Erstmalig in der Öffentlichkeit

Mittwoch, 26. Februar 2020 geschrieben von:

Bautzen-Kenner auch in Brandenburg haben mit großem Interesse zur Kenntnis genommen, dass das dortige historische Bahnhofsgebäude wieder an Schönheit gewonnen hat. Aber auch in der Niederlausitz ist einer der vielen Bahnhöfe, die leider in den Jahren nach 1990 an Glanz und Bedeutung verloren haben – u. a. in Forst und Guben – wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.

Gemeint ist der Großenhainer Bahnhof direkt neben dem neu gestalteten Cottbuser Hauptbahnhof. Von ihm fuhren ab 1870 Züge nach Großenhain als direkte Zugverbindung nach Sachsen. 1873 entstanden dann das Empfangsgebäude, die wichtigsten Räume im klassizistischen Stil, teilweise mit Stuck an den Decken. Doch diese Strecke wurde 1882 wieder eingestellt, das rotbraune Gebäude blieb als technisches Denkmal erhalten. Jetzt hat ein Cottbuser Bauunternehmen in das historische Bahnhofsgebäude wieder Leben gebracht. Es entstanden zwei Kunstgalerien – die „Galerie S“ und die „Galerie Brandenburg“.

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