Einmal Schlesien – und zurück?

srjeda, 27. měrca 2019
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 Robert Lorenz: Schlesische Metamorphosen, Domowina-Verlag Bautzen 2018 Robert Lorenz: Schlesische Metamorphosen, Domowina-Verlag Bautzen 2018

Mit „Schlesische Metamorphosen“ – einem Buch über Görlitz! – wagt sich der Domowina-Verlag ins Hinterland jenseits der Berge des Limas, die die Ostgrenze des Milzenerlandes bilden. Dennoch bewegt sich die ethnologische Dissertationsschrift von Robert Lorenz in vertrauten Gefilden. Weder die Stadt an der Landeskrone, wo der Autor mehrere Monate als Stadtseelenforscher verbrachte, ist angesichts ihrer (scheinbaren?) Nähe eine Unbekannte, noch die Suche nach – und das Basteln an – der eigenen Identität.

Lorenz’ Zugang ist der eines Kindes der zweisprachigen Oberlausitz, aufgewachsen in Sichtweite ihrer diese historische Rolle bis heute vor sich herschiebenden Hauptstadt. Seine „Kindheitslandschaften“ beschreibt er zum Einstieg durchaus detailliert und lässt ihre Umformungen nach 1989 nicht unerwähnt, als im Atlas hinter der Neiße plötzlich deutsche Namen auftauchen, jene der an der Spree heimischen slawischen Sprache jedoch seltener werden. Auch später fließen die eigenen (sorbischen) Wurzeln immer wieder in die Betrachtung ein – man kennt sich aus mit mehrschichtigen Identitäten und in Frage gestellten Zugehörigkeiten. Als (Ober-) Lausitzer stehen Autor und Leser anfangs skeptisch vor dem plötzlich „schlesischen“ Görlitz. Und was sagen eigentlich die polnischen Nachbarn dazu?

Nach einem Rundgang durch das Schlesische Museum deckt Lorenz mithilfe von Stadtgeschichte, Stadtbild und Literatur Schicht für Schicht auf, was sich hinter der „neuen“ Identität verbirgt. Eine gehörige Portion unverarbeiteter Erinnerungen und Gefühle der zahlreichen Umsiedler und ihrer Kinder, verletzter Stolz ehemaliger Großstädter im Angesicht des Verfalls und – eigene Visionen zur Rolle der Stadt im vereinten Europa zu einer Zeit, als alles möglich, aber nichts sicher scheint. Eines jedoch ist sicher: Sachsen sein wollen viele Görlitzer nicht. Lieber basteln sie mit Hingabe und unter weiß-gelben Fahnen an einer eigenen Geschichte. So ist das „schlesische Revival“ vor allem eines: der Versuch einer Stadtgemeinschaft, vor und nach 1990 am äußersten Rand gelegen, ihre eigene Rolle zu finden – und wenn möglich auch selbst zu schreiben.

In Auszügen aus 13 Gesprächen mit verschiedenen Görlitzer Akteuren begibt sich Lorenz tiefer in die Gefühlswelt der Randschlesier. Zu Wort kommen die umtriebige Tippelfrau mit omnipräsenten Wurzeln jenseits der Friedensgrenze, der aus dem Westen stammende Schlesien-Enthusiast, vom Vertriebenenbündler zum Regionaleuropäer geläutert, ein Stadthistoriker a. D., der auf sein schlesisches Lebenswerk blickt, aber auch der „echte“ Schlesier, der Touristen auf dem Markt beizubringen sucht, dass sie sich historisch und überhaupt inmitten der Oberlausitz befinden.

Angesichts tiefgreifender Identitätsprobleme, die sich auch andernorts bemerkbar machen, kann der geneigte Leser aus Bautzen, Cottbus etc. ein wenig neidisch an die Neiße blicken, wo es eben Görlitz zuteil wurde, ethnologisch durchleuchtet zu werden. Vorgenannte dürfen sich wünschen, dass ein ihnen ähnlich zugeneigter und dennoch kritischer Beobachter eines Tages ihre eigene Suche unter die Lupe nimmt.

Ob Lorenz’ Stimmungsbild den Vorstellungen der Görlitzer – vor allem der überzeugten Schlesier – entspricht, vermag der externe Beobachter nicht zu beurteilen. Dem ebenso überzeugten Lausitzer, dem „Schlesien“ aus allen auch von Lorenz genannten Gründen bisher ein rotes Tuch war, ermöglicht es aber – neben auch für den Laien unterhaltsamer Lektüre – einen etwas verständnisvolleren Blick auf die abtrünnige Schwesterstadt, die trotz aller Nähe eben hinter dem Limas und damit in ihrer eigenen kleinen Welt liegt. Julian Nyča

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