Im Bautzener Norden ...

srjeda, 25. septembera 2019
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... ging Marko Greulich dieses Mal auf Spurensuche zu historischen Details und Geschichten des einst noch vorwiegend sorbisch geprägten täglichen Lebens im städtischen Umland. Nach den heimischen Dörfern um Hochkirch (2012) und der Gegend zwischen Gröditz und Malsch­witz (2015) konzentrierten sich Autor und Verlag im vorliegenden dritten Buch „A srjedźa Kaponica – Mittendrin der Hahneberg“ auf die Kirchspiele Königswartha, Milkel und Neschwitz.

Wiederum hat Greulich aus sorbischen Zeitungen zwischen 1843 und 1937 originäre Berichte und Informationen ausgewählt und sie mit literarischen Exkursen ergänzt. Etwa ein Viertel des 400 Seiten füllenden Bandes nehmen die chronologischen Beiträge aus den drei Kirchspielen ein. Der sich hierin widerspiegelnde Alltag der ländlichen Bevölkerung macht das Besondere in Greulichs Büchern aus; mit Sicherheit trifft mancher Leser dabei auf einen Namen seiner eigenen Vorfahren oder Nachbarn.

Das Aufbrechen der einstigen ländlichen Abgeschiedenheit hin zur bürgerlich-weltlichen Offenheit und Mobilität lässt sich ebenso nachvollziehen wie der tragisch empfundene Verfall der sorbischen Sprache und des sorbischen Selbstwertgefühls, ein Prozess, den das aufkommende rege Vereinsleben nur begrenzt aufhalten kann. Über den gewählten langen Zeitraum greift „die große und die kleine Politik“ natürlich in unterschiedlicher Intensität in das dörfliche Leben ein. Sie ist mit „Ergebenheit und Aufruhr“ verbunden und reicht vom Jagdbesuch des sächsischen Königs 1854 bis zu Illusionen über Hitlers Volkstumspolitik nach 1933. Spezielle Kapitel widmet Greulich wiederum den Mythen und Sagen sowie vorgeschichtlichen Siedlungsfunden, der Entwicklung in Landwirtschaft und Gewerbe, wobei Mühlen einen eigenständigen Anteil haben. Erstmals erhielten auch Berichte von Kindern einen Platz, hatten doch die Serbske Nowiny seit 1924 entsprechende Zuschriften in ihre Wochenendbeilage aufgenommen. Wenn der Autor das bekannte sorbische Lied über die „grüne Heide“ anspricht, dann geht es dabei nicht ums kulturelle Erbe, sondern um die Schwierigkeiten für viele Dorfbewohner, im Wald für sich Pilze zu sammeln oder Beeren zu pflücken; häufig brauchten sie dafür eine Genehmigung des herrschaftlichen Jagdpächters, der eine solche, wie aus Königswartha 1899 berichtet, auch „nur wirklich Armen“ ausstellte.

„Schlimme Begebenheiten“, wie Brände und Katastrophen, oder kriminelle Handlungen wechseln sich mit Ereignissen ab, die zu „Kopfschütteln und Schmunzeln“ anregen. So fand das häufigere Erscheinen motorisierter Fahrzeuge verständliche Aufmerksamkeit, doch auch Leute, die scheinbar „mehr als Brot essen“ konnten, hatten ihren Platz im dörflichen Leben.

Gelegentlich setzt der Autor zu viel voraus. Ob jeder Leser weiß, dass die 300 Millionen für eine neue Orgel in Milkel 1923 inflationsbedingt so hoch waren? Oder wie die Information mittels der „gmejnska heja“ (S. 107) funktionierte? Dass man den Versuch, den Maibaum zu stehlen, bestrafen musste, ist verständlich, aber warum die Jacken mit „ungebrannter Asche“ (S. 110) ausklopfen?

Mit der parallel gedruckten, weitestgehend gleichlautenden deutschen Übersetzung der sorbischen Texte hat der Autor wiederum ein Lesebuch geschaffen, das einen breiten Interessentenkreis ansprechen sollte, zumal die ausgewählten literarischen Passagen bisher nicht in deutscher Version vorlagen. Ein gegenseitiges Verzeichnis der sorbischen bzw. deutschen Ortsnamen erleichtert wesentlich das Auffinden des heimatlichen Dorfes. Dr. Manfred Thiemann

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