Eine Stadt entwickelt sich. Da gibt es Neubau und auch Verfall. Veränderungen, die in unserem Gedächtnis verblassen, je länger sie zurückliegen. Das Heute ist präsent, doch wie sah das Gestern aus? Diese Frage weckt nicht nur Neugier nach dem, was einst war, sondern ist eine ausgezeichnete Begleiterin durch die neue Sonderausstellung „Rolf Dvoracek. Die Suche nach dem perfekten Augenblick. Bautzen in Fotografien aus sechs Jahrzehnten“ im Museum Bautzen.

Die Ausstellungsmacher Hagen Schulz und Ulrike Telek konnten auf das reiche Archiv des Bautzener Bildjournalisten Rolf Dvoracek zurückgreifen, der im vergangenen Jahr seinen 80. Geburtstag feierte. Dvoracek ist nicht nur älteren Lesern der hiesigen Sächsischen Zeitung oder der sorbischen Zeitung Nowa doba ein Begriff für fotojournalistische Qualitätsarbeit. Seine einfühlsamen Porträtfotografien von bedeutsamen Zeitgenossen waren ebenso ein Markenzeichen in der Bautzener Kulturschau.

Am Anfang war nicht das Ei

srjeda, 24. februara 2016 spisane wot:

Die Frage, was zuerst war, Huhn oder Ei ist schwerlich zu lösen. Dass das Ei aber vielleicht nicht am Anfang aller Verzierung stand, die heute so typisch für sorbische Ostereier mit ihren Dreieck- und Strahlen-Mustern scheint, das zeigt die neue Sonderausstellung des Sorbischen Museums in Bautzen. Museumsmitarbeiterin Andrea Paulick hat sich auf die Spuren der Muster begeben und stellt das, was sie gefunden hat, uns nun unter dem Titel „Sonnenrad und Wolfszähne. Verzierte Ostereier aus der Lausitz“ vor.

Ein Hörerlebnis der besonderen Art

srjeda, 27. januara 2016 spisane wot:

174 Gedichte, CD-Player, bequemer Sessel. Mehr braucht es nicht – na ja, vielleicht noch ein Glas Wein dazu. Und schon ist das Poesieerlebnis perfekt, wenn man glücklicher Besitzer der drei CDs mit Gedichten von Kito Lorenc ist. Hört man sich alle am Stück an, vergehen schon mal dreieinhalb Stunden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, man schafft es und ist berauscht, sogar ohne Wein. Der anderthalb Jahre jüngere Michael Lorenz hat die Gedichte des Bruders mit seiner unverwechselbaren Schauspielerstimme in Hörszene gesetzt. Er traf auch die Auswahl der zwischen 1959 und 2015 entstandenen lyrischen Texte und ordnete sie mit Leitgedichten zu Themenkreisen.

Geschichten erzählen, das kann er. Egal, ob deutsch oder sorbisch, ob für Erwachsene oder Kinder, ob für Zeitung, Bühne, Film oder Radio, ob es ein Bilderbuch werden soll oder ein Krimi für junge Leser, ob es sich um einen historischen Fall aus dem Mittelalter oder eigene Kindheitserinnerungen handelt – auf eins kann sich der Leser bei Jurij Koch verlassen: Langweilig wird es nicht. Dafür beherrscht der 1936 in dem kleinen Dorf Horka in der Oberlausitz geborene Schriftsteller sein Handwerk zu gut.

Und Spaß macht ihm das Schreiben offensichtlich immer noch.

So erschien 2014 der zweite Teil seiner Erinnerungen an die Kindheit auf Sorbisch. Und bevor dem Leser die Zeit zu lang wird bis zur geplanten deutschen Ausgabe dieser Erinnerungen (der erste Teil erschien 2012 unter dem Titel „Das Feuer im Spiegel“), kann er sich jetzt schon an der Neuauflage eines Koch’­schen Klassikers sowie an zwei deutschen Erstveröffentlichungen erfreuen.

Gegenwärtig stellen sechs bildende Künstlerinnen, allesamt Mitglied des Sorbischen Künstlerbundes, in der Volksbank Bautzen ihre Arbeiten aus. Unter dem Titel „Ja sym“ (Ich bin) ist Malerei und Grafik zu sehen. Nicht zu übersehen sind aber auch Plastiken, die der modernen Architektur des Hauses angepasst erscheinen.

Die bizarre „Blaue Göttin“ von Barbara Wiesner oder auch ihre wuchtige Skulptur aus Ulmenholz mit dem Titel „Kreuzungen“, gefertigt aus grob bearbeiteten Balken und zusammengehalten von Holznägeln, sind Schöpfungen, die von viel Lust am kreativen Schaffen zeugen. Aber hat die Künstlerin vor zwei Jahren, als sie an dem bizarren „Drachen“ aus Kupfer arbeitete, an die sorbische Sagengestalt gedacht und mit Geld in Verbindung gebracht? Maja Nagel hat zumindest Drachen und griechische 2-Euro-Münzen in ihren „Drachentänzen“ sehr geschickt motivisch zusammengeführt. Ein Schelm, der im Bankhaus bei der Betrachtung dieser Collagen nicht an die Griechenlandkrise denkt ...

Was hat der Teppich von Bayeux mit der Oberlausitz zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Doch die hiesigen Archäologen wären froh, hätten sie hier ein ebensolches Zeugnis aus dem frühen Mittelalter. Denn der Teppich schildert sehr detailgetreu Geschehnisse zwischen England und Frankreich im 11. Jahrhundert. Dabei ist nicht nur die Schlacht bei Hastings 1066 Gegenstand, sondern auch das Alltagsleben. Das Museum Bautzen ist sehr stolz, dass es für seine Ausstellung „Burgen, Scherben, Schläfenringe - Regionale Archäologie des Mittelalters“ eine Fotokopie im Maßstab 1:2 in die Oberlausitz holen konnte. Die Ausstellung wurde am Sonnabend eröffnet und ist bis zum 21. Februar zu sehen. Bei der Ausstellungseröffnung kam der Gedanke auf, dass man anlässlich der Rückgabe der Fotokopie eine Bildungsreise für interessierte Oberlausitzer in die Normandie veranstalten könnte.

Über Kleinbautzen und einen Kaiserbesuch

srjeda, 30. septembera 2015 spisane wot:

Was mag das für ein Auszug gewesen sein? Im Jahr 1859 verlassen die Schäfer Mickan und Engelmann Kleinbautzen Richtung Südamerika. „Sie werden in der Republik Buenos Aires bei einem Großgrundbesitzer ... arbeiten. Mit ihnen reisen zwölf vorzügliche, sogenannte Negretti-Schafe...“, schreibt damals die Sorbische Zeitung über die Weltenbummler. Die Anekdote fand Marko Greulich bei seinen Recherchen zum Buch „Zwischen Lutherberg und Löbauer Wasser“. Gerade erschien es im Domowina-Verlag.

Nicht jeder, der gern liest, ist auch ein Liebhaber von Gedichten. Und was macht man als ein solcher Nichtliebhaber, wenn einer der interessantesten, fantasiebegabtesten und produktivsten sorbischen Schriftsteller nun mal Dichter ist? Man lässt sich ab und an von Kito Lorenc ins Lyrikland verführen und freut sich ansonsten umso mehr, wenn, wie jetzt, ein Buch mit Prosastücken von ihm erscheint. „Der zweiseitige Beitrag/Wěsty dwustronski přinošk“ heißt das neue, das in wenigen Tagen druckfrisch beim Domowina-Verlag zu haben ist. Auf rund 270 Seiten versammelt es im Kern deutschsprachige und sorbischsprachige Stücke der letzten zwei Jahrzehnte, mehr deutsche und nur wenige, wie der titelgebende Text und die eröffnende Erzählung, in beiden Sprachen.

Das Plakat verspricht interessante Begegnungen. In vier verbundenen Räumen wird der Besucher von einem zum nächsten der 25 Künstler gelockt. 185 Arbeiten wurden in den letzten fünf Jahren vom Sorbischen Museum Bautzen erworben und fanden Eingang in die ca. 6 900 Exponate umfassende Kunstsammlung. Nun werden sie veröffentlicht.

Gedichte und Schmungks von Kito Lorenc

srjeda, 24. junija 2015 spisane wot:

Welch ein Trost. Zwischen Zeitungen, Terminzetteln und Steuerbescheid hat ein kleines Buch Platz genommen: „Windei in der Wasserhose des Eisheiligen“. Ein Umschlag wie Leinen, der Titel witzig, Untertitel und Name vielversprechend. Braucht die Welt denn Lyrikbände? Gewiss, sie braucht. Man hat schließlich nicht oft Gelegenheit, sie vorgelesen zu bekommen. Darum lassen sich Verlage immer neue Schönkleider für ihre Editionen einfallen. Dem Poetenladen sei Dank, diese ist ein Handschmeichler.

Was es mit den Schmungks auf sich hat? Die Fußnote wird geliefert, gemeint ist Zusammengekochtes. Irgendwie erscheint das schelmische Gesicht von Kito Lorenc, liest man seine Vorbemerkung. „Das Leben zwischen Eros und Erosion nutzen für Gedichte, die auf Potjomkinsche Städte und Böhmische Dörfer wirken müssen wie Wind, Wasser, Eis: abträglich.“ Ein Glück, wir sollen unterhalten werden, auch wenns manchmal weh tut. So wie‘s Leben eben.

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